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Runder Tisch zur Barrierefreiheit im Internet für Legastheniker

Bericht vom 15. Kongress des Bundesverbandes Legasthenie und Dyskalkulie e.V. (BVL) in Berlin im September 2005.

Von Legasthenie sind - leichte Fälle inbegriffen - bis zu 10 % der Bevölkerung betroffen. Eine Lese-Rechtschreib-Schwäche bedeutet nicht, dass Lernschwierigkeiten oder Lernbehinderungen vorliegen müssen. Es wird angenommen, dass in Großbritannien zwischen 1,2 % und 1,5 % der Studenten eine Lese-Rechtschreib-Schwäche haben.

Menschen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche haben oft Probleme mit:

  • Visueller Verarbeitung (u.a. Licht- bzw. Blendempfindlichkeit)
  • Probleme mit visueller Konzentration (die Fähigkeit, einen Punkt ruhig zu fixieren ist z.B. eingeschränkt)
  • Phonologischer Dekodierung, Analyse und Verarbeitung von Lauten
  • Lesen und Verstehen
  • Auditiver Verarbeitung
  • Erinnerungsvermögen
  • Struktur und Reihenfolge
  • Planung und Organisation.

Basis für das Schreiben von Internettexten sollten immer die allgemeinen journalistischen Regeln sein, die ein problemloses Lesen und gutes Verständnis unterstützen. Für Legastheniker werden hier einige besondere Regeln zum Schreiben für das Internet zusammengestellt. Diese Anforderungen wurden von Problemen abgeleitet, die viele Menschen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche haben. Eine Möglichkeit zur Unterstützung von Internet-Nutzern mit Legasthenie ist das Vorlesen von Texten.

Einige der Anforderungen zur einfachen Sprache, die z. B. von Peoplefirst für Menschen mit Lernschwierigkeiten zusammengestellt wurden, sind für Menschen mit (aber auch ohne) Lese-Rechtschreib-Schwäche sinnvoll. So wird zum Beispiel für alle Nutzer das Verständnis durch bildhafte Beispiele gefördert.

Allgemeine journalistische Regeln sind immer anzuwenden:

Typographie:
  • Serifenlose Schrift
  • Sparsamer Einsatz von kursiver und fetter Schrift, möglichst keine Wörter nur aus Großbuchstaben
  • Flatter- statt Blocksatz
  • Wortwahl
  • Erklärung von Fachausdrücken, Fremdwörtern und Abkürzungen
  • Verzicht auf lange zusammengesetzte Wörter (Bandwurmwörter)
  • Aktiv statt Passiv, aktive Verben anstatt abgeleitete Substantive mit den Endungen -ung, -heit, -keit
  • Verzicht auf Füllwörter und nicht notwendige Adjektive
Satzbau:
  • Möglichst wenig Nebensätze, Vermeiden von verschachtelten Sätzen
  • Hauptwort und Artikel nicht zu weit voneinander trennen
Textaufbau:
  • Textgliederung durch Überschriften, Absätze und Listen
  • Teaser mit 1-2 Sätzen
  • Nicht zu viel Text auf einer Seite
  • Druckversion
  • Zusammenfassungen für längere Texte anbieten

Regeln für Legastheniker:

Allgemeines:
BITV Bedingung 4.2:
Abkürzungen und Akronyme sind an der Stelle ihres ersten Auftretens im Inhalt zu erläutern und durch die hierfür vorgesehenen Elemente der verwendeten Markup-Sprache kenntlich zu machen.
BITV Anforderung 14:
Das allgemeine Verständnis der angebotenen Inhalte ist durch angemessene Maßnahmen zu fördern.
BITV Bedingung 14.1:
Für jegliche Inhalte ist die klarste und einfachste Sprache zu verwenden, die angemessen ist.

Kontraste:

  • Wegen Blendempfindlichkeit keine grellen Hintergründe
  • Gute Kontraste
  • Kein Bild als Hintergrund für Text, da dieses das Lesen erschwert

Siehe dazu auch BITV Bedingung 2.2 (Bilder) und BITV Bedingung 2.3 (Texte).

Nutzersteuerung:
  • Kein Lauftext, Nutzer soll Inhalte steuern
  • Kein blinkender Text, Verzicht auf Lauftext

Siehe dazu auch BITV Anforderung 7 (Zeitgesteuerte Änderungen des Inhalts), BITV Bedingung 7.1 (Bildschirmflackern), BITV Bedingung 7.2 (Blinkender Inhalt) und BITV Bedingung 7.3 (Bewegung).

Lesefluss:
  • Große Schrift, ausreichender Zeilenabstand, nicht zu lange Zeilen (60 - 70 Zeichen)
  • Abstände zwischen Zeilen 1,5- bis 2-facher Zeilenabstand
  • Kein Text im Blocksatz wegen ungleichen Wortzwischenräumen
  • Horizontales Scrollen von Text vermeiden

Siehe dazu auch BITV Bedingung 3.4 (relative Einheiten).

Strukturierung und Orientierung
  • Informationsdichte sollte weniger als 50 % des Gesamtbildschirms umfassen
  • Gute Strukturierung durch Überschriften, Betonung von wichtigem Text, Listen, etc.
  • Navigationspfad hinzufügen, da Legastheniker sich schlecht an Informationen in umgekehrter Reihenfolge erinnern können

Siehe dazu auch BITV Bedingung 3.5 (Überschriften), BITV Bedingung 12.3 (Große Informationsblöcke), BITV Anforderung 13 (Navigationsmechanismen) mit Bedingung 13.3 (Sitemap), 13.4 (schlüssige Navigationsmechanismen), Bedingung 13.5 (Navigationsleisten), Bedingung 13.6 (Hyperlinks gruppieren), Bedingung 13.7 (Suchfunktionen), Bedingung 13.8 (inhaltlich zusammenhängenden Informationsblöcken) und Bedingung 14.3 (Präsentationsstil).

Alternative Inhalte:
  • Druckversion (Buchstabengröße 12 pt oder 14 pt)
  • Unterstützung von verschiedenen Lernstilen durch Diagramme, Grafiken, Symbole, Videos, Audiodateien

Siehe dazu auch BITV Bedingung 14.2 (Textverständnis).

Regeln für sehr einfache Sprache:

Wortwahl:
  • Auf Fachausdrücke und Fremdwörter möglichst verzichten, Abkürzungen ausschreiben
  • Verwenden geläufiger kurzer Wörter (anstatt "Aufgabenstellung" "Eine Aufgabe stellen"), Wörter sollten möglichst aus der Alltagssprache stammen
  • Gleiche Bezeichnung für gleichen Sachverhalt; auf Wortvariationen verzichten
  • Konkrete statt abstrakte Wörter
  • Positive Sprache anstatt Verneinungen
  • Zahlen nicht als Wort ausschreiben, keine römischen Zahlen verwenden, Telefonnummern untergliedern
Satzbau:
  • Verzicht auf Klammern, Semikolons, Gedankenstriche
  • Sätze mit bis zu 13 Wörtern sind sehr leicht verständlich, mit 14 bis 18 Wörtern sind Sätze leicht verständlich
Textaufbau:
  • Bei Zeilenumbrüchen möglichst Zusammengehöriges zusammenlassen
  • Große Schrift, ausreichender Zeilenabstand, nicht zu lange Zeilen (60 - 70 Zeichen)
  • Horizontales Scrollen von Text vermeiden
Beispiele und Bilder:
  • Anschauliche Beispiele (zum Beispiel das sind so viele Menschen, wie es Einwohner in Hamburg gibt)
  • Verwendung von Fotos, Symbolen und Grafiken zur Unterstützung von Inhalten; Bilder und Text sollten in engem Sinnverhältnis stehen (wichtig: bekannte Symbole)
  • Leicht verständliche Bilder, da diese dann Texte ersetzen können

Weitere Informationen:

Lesen Sie dazu auch die Stellungnahme des AbI-Projekts zum Thema "Und wenn jemand nicht lesen kann?"