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„Jeder, der das Internet nutzt, profitiert von barrierefreien Webseiten“

10.06.2009

Das Aktionsbündnis für barrierefreie Informationstechnik (AbI) setzt sich seit Jahren dafür ein, dass das Internet von Menschen mit und ohne Behinderung benutzt werden kann. Weil die deutsche Verordnung, die besagt, was eine barrierefreie Seite ausmacht, derzeit überarbeitet wird, nahm das Aktionsbündnis dies zum Anlass, Experten aus ganz Deutschland an einen Tisch zu bringen. Denn die zweite Version der Barrierefreien Informationstechnik-Verordnung (BITV) wird Auswirkungen auf die Testverfahren haben, mit denen geprüft wird, ob und wo Hindernisse auf einer Webseite sind.

Shadi Abou Zahra im InterviewWie die neuen Tests aussehen könnten, war am 26. Mai in Bonn Thema des AbI-Forums „Neue Standards mit Potenzial: Die WCAG 2.0 und die BITV 2 als Grundlage für standardisierte Testverfahren“. Dabei interviewte AbI-Pressereferentin Evelyn Stolberg den 32-jährigen Informatiker in englischer Sprache Shadi Abou-Zahra. Er leitet die Arbeit des Internationalen Programmbüros der in englischer Sprache Web Accessibility Initiative (WAI), die sich mit dem barrierefreien Zugang zum Internet beschäftigt. Die WAI ist eine Arbeitsgruppe innerhalb des in englischer Sprache World Wide Web Consortiums (W3C), das von in englischer Sprache Tim Berners-Lee, der als Erfinder des Internets gilt, gegründet wurde.

AbI: Wer profitiert von barrierefreien Internetseiten?

Abou-Zahra: Nicht nur Menschen mit Behinderungen, sondern eigentlich jeder, der das Internet nutzt. Denn barrierefreie Seiten sind klar strukturiert, lassen sich schnell laden, und die Schrift lässt sich zum Beispiel problemlos vergrößern. Davon profitieren also auch Menschen, die im Alter beispielsweise schlechter sehen können. Ich würde sogar sagen, dass ältere Menschen doppelt von einem barrierefreien Internet profitieren. Denn sie sind im Vergleich mit jüngeren Leuten nicht so häufig online. Weil barrierefreie Webseiten unkompliziert aufgebaut sind, findet sich dort aber jeder auf Anhieb zurecht.

AbI: Jeder stößt ab und zu auf eine Barriere im Web. Worüber ärgern Sie sich besonders?

Abou-Zahra: Ich habe eine Lähmung in den Armen. Deshalb ist es für mich fürchterlich, wenn ich eine Seite nicht über meine Tastatur bedienen kann, sondern gezwungen werde, eine Maus zu benutzen und kleine Schaltflächen anklicken muss.

AbI: Das World Wide Web Consortium hat im Dezember 2008 überarbeitete internationale Richtlinien verabschiedet, die weltweit Orientierung bei der Gestaltung barrierefreier Webseiten geben sollen. Was muss jetzt noch gemacht werden, damit die Inhalte auch umgesetzt werden?

Abou-Zahra: Die Richtlinien sind ein Werkzeug, um Barrierefreiheit im Web zu erreichen. Doch auch die Software und das Betriebssystem müssen barrierefrei sein, damit alles funktioniert. Es gibt einfach eine große Fülle an Anforderungen. Deshalb wissen viele Entwickler oft nicht, wie sie Barrierefreiheit umsetzen sollen. Die Öffentlichkeit muss auch aufgeklärt werden, und es muss Schulungen für die Entwickler geben.

AbI: Woran erkenne ich, ob eine Seite barrierefrei ist?

Abou-Zahra: Wenn ich irgendwo einen Aufzug oder eine Rampe installiere, um mehr Barrierefreiheit zu erreichen, ist das sofort sichtbar. Aber im Web gibt es optisch keinen Unterschied zwischen barrierefreien und schwer zugänglichen Seiten. Deshalb ist vielen Internetnutzern nicht einmal das Thema bekannt.

AbI: Warum ist Ihnen persönlich wichtig, dass das Internet barrierefrei ist?

Abou-Zahra (lacht): Ich bin Informatiker.

AbI: Ist das der einzige Grund?

Abou-Zahra: Nein. Ich bin persönlich betroffen. Als Kind spielte ich mit dem Gedanken, Architekt zu werden. Doch mit 16 Jahren hatte ich einen Badeunfall. Seitdem bin ich querschnittsgelähmt. Das Schreiben in der Schule machte mir danach Schwierigkeiten. Wissen Sie, ich kann meine Hände seit dem Unfall schlecht bewegen. Doch dann nahm ich mein Laptop mit in den Unterricht. Da wurde mir ganz schnell bewusst, wie sehr die Computertechnologie mein Leben erleichtern kann. Und ich entschied mich, Informatik zu studieren. Das Thema Barrierefreiheit im Internet kam dann automatisch irgendwann dazu. Denn Computer, und das Internet, spielen in meinem Leben eine wichtige Rolle.