Bei dem folgenden Erfahrungsbericht handelt es sich um den Erfahrungsbericht einer Betroffenen und nicht um einen formale Test der im Bericht erwähnten Internetseiten.
Der Name der Autorin des Berichts liegt dem Aktionsbündnis für barrierefreie Informationstechnik (AbI) vor.
Die Autorin des Artikels ist von Geburt an blind.
Für mich als blinde Nutzerin hat das Internet eine sehr hohe Bedeutung, da ich hier wichtige Informationen ohne fremde Hilfe finden kann. Aus meinem Alltag ist es heute nicht mehr wegzudenken. Besonders zu schätzen weiß ich das Internet, weil ich noch ohne dieses Medium Ende der 80er Jahre studiert hatte. Mein Studium der Erziehungswissenschaften, Kinderpsychiatrie und Theologie schloss ich 1991 mit dem Magister ab. Damals war das Studieren für blinde Menschen extrem zeitaufwendig: Bücher musste ich von Auflesediensten auf Kassette lesen lassen, was nach einem Auftrag in der Regel mehrere Wochen dauerte. Assistenten, die für mich Texte vorlasen, mussten bezahlt werden. Teilweise erhielt ich hierfür Unterstützung vom Landeswohlfahrtsverband. Weil aber nicht die Kosten für alle Bücher übernommen wurden, musste ich viele Helferstunden selbst bezahlen. Für mein Studium benötigte ich sehr viel Zeit, um bei der Fülle der Literatur effizient arbeiten zu können: Für Organisatorisches, für die Suche nach Helfern zum Querlesen von Büchern, für das Warten auf Kassetten. Ich brauchte auch mehr Zeit, weil ein kurzes Überfliegen von Texten für mich nicht möglich war. Wie viele Stunden ich mit dem Anhören von Kassetten verbracht habe, wird mir immer wieder bewusst, wenn ich meine alten Studienunterlagen finde, die inzwischen auf dem Speicher in Kisten verstaut sind: Mehr als 700 Kassetten befinden sich dort. Ein einziges Buch hat einen Umfang von etwa 8 bis 10 Kassetten.
In die Studienzeit zurück holte mich ein Brief, den ich vor kurzem vom Bundesverwaltungsamt erhielt. Weil der Text nicht in Brailleschrift verfasst war, musste ich mir den Brief vorlesen lassen. In dem Schreiben wurde ich darauf hingewiesen, dass die Raten für meine BaföG-Rückzahlung fällig sind. Das Amt wies mich darauf hin, dass ich bei geänderten Arbeitsbedingungen die Höhe der Ratenzahlung ändern könne. Über die Bedingungen hätte ich gerne mehr erfahren. Weil ich keine weiteren Informationen in dem Brief vorfand, setzte ich mich noch vor dem Mittagessen an meinen Computer, um im Internet zu recherchieren. Ich tippte die Internetadresse www.bundesverwaltungsamt.de in meinen Browser ein und kam direkt zu der gewünschten Website. In einer halben Stunde sollten die Kinder von der Schule nach Hause kommen. Bis dahin wollte ich noch Details über die BaföG-Raten lesen. Die Suche nach den Informationen auf der Website war nicht so einfach für mich. Ich fand merkwürdige Bilder und Links, die mir keine wichtigen Hinweise über folgenden Seiten gaben:
images/topleft_bva images/topmid
Macromedia Flash Film start
flexibel dynamisch modern
Macromedia Flash Film Ende
Nach einigen Minuten war ich schon genervt, weil ich nur begrenzt Zeit für das Nachlesen eingeplant hatte. Um schneller die Texte über die Bedingungen zur Ratenrückzahlung finden zu können, benutzte ich die "Suche". Aber auch hier konnte ich nach mehreren Versuchen nichts auf der Braillezeile lesen. Sinnvolle Suchergebnisse wurden nicht angezeigt. Endlich habe ich dann doch den richtigen Link gefunden. Zügig lesen konnte ich die Texte nicht, da auf der Internetseite keine Überschriften ausgezeichnet waren. Überschriften ermöglichen blinden Nutzern das schnelle Navigieren auf den Seiten. Mit Hilfe von Überschriftenlisten ist ein Springen direkt zu dem gewünschten Text möglich. Weil auf der Seite des Bundesverwaltungsamts aber keine richtigen Überschriften ausgezeichnet sind, musste ich die gesamte Seite mit den Pfeiltasten von oben nach unten ablaufen, um zur gewünschten Information zu gelangen. Viel Zeit für das Lesen unwichtiger Texte ging für mich verloren. Weil das Suchen von Informationen schon so zeitaufwendig und meine Kinder bald nach Hause kommen sollten, habe ich mir die restlichen Auskünfte telefonisch geben lassen. Vermittelt wurden am Telefon nur die wesentlichen Kernpunkte. Am Telefon muss ich konkrete Fragen stellen, die aber meistens erst mit einem gewissen Hintergrundwissen gestellt werden können. Gerne hätte ich Details in schriftlicher Form zum Nachlesen gehabt. Das wäre kein Problem gewesen, wenn ich die Texte auf der Website gefunden hätte. Dann hätte ich die Informationen in meinem Computer abspeichern können. Dann hätte ich weniger als eine halbe Stunde für das Nachlesen gebraucht und mehr Zeit für meine Familie gehabt.